Neoliberale Eisberge

Erschienen in der Wiener Zeitung am 14.4.2012

https://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/vermessungen/450358_Neoliberale-Eisberge.html

 


In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 versank das Prachtschiff „Titanic“ im arktischen Meer. Heute kann dieser spektakuläre Unfall als lehrreiche Metapher für die aktuelle Finanzkrise dienen.

Obwohl Gerüchte, wonach Kapitän Edward John Smith oder die White Star Line auf der Jungfernfahrt das blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung gewinnen wollten, widerlegt wurden, gilt als sicher, dass Joseph Bruce Ismay, Geschäftsführer der White Star Line und Passagier an Bord der „Titanic“, „seinen“ Kapitän dazu gedrängt hatte, die Geschwindigkeit des Schiffes trotz der eingehenden Eiswarnungen nicht zu drosseln und den Kurs beizubehalten. Er wollte einen Tag früher als geplant in New York ankommen.

Wirtschaftlicher Druck

Hintergrund dieses Drängens könnte auch ein erhoffter Werbeeffekt für den geplanten Stapellauf des noch in Bau befindlichen Schwesternschiffes „Gigantic“ gewesen sein. Außerdem waren dem Kapitän bei weitem nicht alle Eiswarnungen bekannt, da die Funker, die diese Warnungen entgegengenommen hatten, durch das Senden privater Telegramme der Passagiere überlastet waren.

Jedenfalls scheint der erfahrene Seemann Smith dem Druck wirtschaftlicher Interessen nachgegeben zu haben. Eine Tatsache, die er mit seinem Leben bezahlte. Insofern unterscheidet sich die Katastrophe der Titanic grundlegend von jener der „Costa Concordia“, deren übermütiger Kapitän die Lage des gerammten Felsens gekannt hat und überdies als einer der Ersten von Bord ging.

Jedenfalls führte auf der „Titanic“ das bei Sichtung des Eisbergs lehrbuchmäßig eingeleitete Ausweichmanöver dazu, dass ihr Rumpf mehrmals gegen den Eisberg prallte und daher insgesamt sechs Lecks unterhalb der Wasserlinie entstanden, wodurch fünf der sechzehn wasserdichten Abteilungen geflutet wurden. Da zudem Wasser über Öffnungen in den Decks eindringen konnte, genügte die extrem kleine Gesamtfläche dieser Lecks von 1,2 m², um das Schiff zum Sinken zu bringen. Bei einem Frontalzusammenstoß wären, wie Computersimulationen ergeben haben, nur die vordersten 30 Meter des Schiffes beschädigt worden und damit maximal in drei Abteilungen Wasser eingedrungen. Die „Titanic“ wäre nicht gesunken. Ein Beispiel dafür, dass eine nach geltenden Regeln richtige Entscheidung falsch sein kann.

Obwohl das Schadensausmaß schnell klar war, ging die Evakuierung des Schiffes zu langsam vonstatten. Dies vor allem deshalb, weil die „Titanic“ eben als de facto unsinkbar galt, nach der Kollision kaum Schlagseite hatte und daher das Ausmaß der Gefahr für die Passagiere unklar war. Um Panik zu vermeiden, spielte außerdem das Bordorchester bis zum Untergang.

Die hohe Opferzahl ist auch durch die geringe Anzahl an Rettungsbooten erklärlich. Es gab nur für die Hälfte der an Bord befindlichen Passagiere und Mannschaften genügend Platz. Allerdings war dieser Umstand gesetzeskonform, da sich die Vorschrift über die Anzahl der zur Verfügung stehenden Boote an der Tonnage des Schiffes und nicht an der Passagierzahl orientierte. Erschwerend kam hinzu, dass die Mannschaft im Umgang mit den Booten unerfahren war.

Moral der Mittelklasse

Prozentuell gesehen ertranken vor allem Männer, die in der zweiten (92 Prozent) und in der dritten Klasse (84 Prozent, kein direkter Zugang zum Bootsdeck, schlechte oder keine Englischkenntnisse) gebucht waren, und männliche Besatzungsmitglieder (78 Prozent). Der Umstand, dass Männer der zweiten Klasse die höchste Opferrate unter den Passagieren aufwiesen, wird in einer Studie des Soziologen Henrik Kreutz mit den Moralvorstellungen des Mittelstandes begründet. Noch höhere Opferzahlen gab es bei den Heizern. Sie kamen alle ums Leben.

Angesichts der Faktoren, die zur Tragödie der „Titanic“ geführt hatten, drängen sich Parallelen zur derzeitigen Wirtschaftskrise auf, die schon jetzt ähnlich hohe Opferzahlen aufweist wie der Untergang des Luxusdampfers; nach Schätzungen haben sich allein in Griechenland in den vergangenen drei Jahren etwa 800 Menschen aufgrund direkter Auswirkungen der Finanzkrise das Leben genommen.

Diese hatte ihren Ausgang im September 2008 genommen, als die USA mit Lehmann Brothers und anderen spekulierenden Investmentbanken erstmals gegen den Eisberg krachten, von dem, wie das bei Eisbergen so zu sein pflegt, nur der kleinste Teil, die Subprime-Krise nämlich, sichtbar war. Sein weitaus größerer, unter Wasser liegender Teil wird von einer steigenden Anzahl von Menschen in dem am eigenen Reichtum krankenden Kapitalismus gesehen.

Egoistische Grundsätze

Jedenfalls schrammten in weiterer Folge die USA und bald darauf Europa den Eisberg entlang. Seither dringt unaufhörlich Wasser in den Rumpf des Dampfers und die politischen Gegenmaßnahmen greifen ähnlich langsam wie das für ein solches Ausweichmanöver nicht konzipierte Ruder der „Titanic“. Obwohl das Wasser in Griechenland, Portugal, Spanien, Ungarn und Italien schon stark gestiegen ist, agieren einige Akteure auf dem schwerfälligen Schiff Europa noch immer nach dem ebenso egoistischen wie törichten Grundsatz: „Das Schiff sinkt auf deiner Seite.“

Außerdem zeigt sich jetzt ein Dilemma des vermeintlich geeinten Europas: Wie auf der „Titanic“ gibt es (zu) viele Interessen, die aufeinander prallen. Da sind zunächst die Reeder, die das Schiff, die EU nämlich, auf Basis einer Blaupause für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum entworfen und gebaut haben, dann sind da die Finanzkonzerne, die ihnen das Geld dafür geborgt haben, weiters die Passagiere, also die Bürger, die eine gleichzeitig komfortable und sichere Überfahrt wünschen, und schließlich sollte es einen Kapitän, sprich Politiker, geben, der die Verantwortung trägt.

Im Fall Europas gibt es aber keinen einzelnen Kapitän, sondern 27 Erste Offiziere, was naturgemäß keine schlanke Hierarchie zulässt. Erschwerend kommt hinzu, dass auch diese 27 Ersten Offiziere nur auf den ersten Blick Befehlsgewalt haben, da sie unter dem massiven Druck der Wirtschaft und der Finanziers, die sich als tatsächliche Eigentümer des Schiffes Europa fühlen, stehen. Längst haben die vermeintlichen Schiffsführer freiwillig das Ruder an global agierende Wirtschaftslobbys wie den „European Round Table“, dessen Vorschläge beinahe unverändert in das Weißbuch zum EU-Binnenmarkt übernommen wurden, abgegeben und gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen, innerhalb derer die Anwendung hochriskanter und moralisch zu verurteilender Praktiken möglich ist. Die Politik hat sich vor den Karren der wirtschaftlichen Interessen der Ismays dieser Welt spannen lassen wie einst Kapitän Smith. Es sind daher nicht nur die Börsenritter, sondern auch und vor allem die Politiker anzuklagen, die eine Einflussnahme auf ihre Entscheidungen nicht nur zugelassen haben, sondern sich bereitwillig zum Werkzeug machen ließen.

Warnungen

Ähnlich wie im Fall der „Titanic“ gab es vor der Kollision eine Reihe von Warnungen vor neoliberalen Eisbergen im rauen nordatlantischen Ozean unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, auf dem die USA und Europa zu schnell unterwegs sind.

Das Wirtschaftswachstum, das noch immer als der allein glücklich machende Zielparameter angesehen wird, verlangsamte sich in den USA bereits ab 2006 und konnte nur mehr durch noch höhere Staatsverschuldung finanziert werden. Viele Banken setzten aber auf weiteres Wachstum und vergaben Kredite, ohne entsprechende Rücklagen zu bilden oder, um im Bild des Schiffes zu bleiben, ohne sich um eine ausreichende Anzahl von Rettungsbooten zu kümmern, was ähnlich wie auf der „Titanic“ zwar gesetzeskonform, im Ernstfall aber fatal war. Außerdem wechselte man vom zu langsam wirkenden klassischen Kreditgeschäft hin zum rasant wachsenden Investmentgeschäft. So wurden vermehrt dadurch Gewinne erzielt, dass aus virtuellem Geld durch undurchschaubare Finanzprodukte noch mehr virtuelles Geld gemacht wurde, dem keine Sachwerte oder Dienstleistungen gegenüber standen. Bekanntestes Beispiel dieser Derivate sind die Credit Default Swaps. Diese Rückversicherungen auf Obligationen funktionierten nach der Liberalisierung der Finanzmärkte ab 2000 so, als ob man die Polizze auf die Feuerversicherung für das Haus eines Fremden in der Hand hätte. Es liegt der Verdacht nahe, dass man im Falle eines Feuers, wenn man es schon nicht selbst gelegt hat, kaum als Erster die Feuerwehr rufen würde. Durch die Liberalisierung des außerbörslichen Handels mit Derivaten stieg deren jährlich ausstehendes Volumen von sechs Milliarden Dollar im Jahr 2001 auf 600 Billionen Dollar im Jahr 2007. Im Vergleich dazu betrug das weltweite BIP 2007 rund ein Zehntel dieses Wertes. Es war also zehnmal mehr Geld mit Luftgeschäften bewegt worden als mit der Produktion von Gütern und der Bereitstellung von Dienstleistungen!

Eine weitere Eiswarnung, die bewusst oder unbewusst ignoriert worden war, ist die Entwicklung der Einkommensverteilung innerhalb der Bevölkerung, die durch eine Ausdünnung des Mittelstandes und eine zunehmende Vergrößerung der jeweils untersten und obersten Einkommensgruppen gekennzeichnet war und ist.

Augenblicklich befinden wir uns also auf einem langsam volllaufenden Schiff, von dem zwar niemand wirklich wissen kann, ob es unter dem Druck des einströmenden Wassers auseinanderbrechen wird, dessen Schlagseite aber noch zu gering ist, um allen Besatzungsmitgliedern und Passagieren das Gefühl von Gefahr zu vermitteln. Die Bordorchester unserer Spaßgesellschaft spielen eine Endlos-Soap und eine Casting-Show nach der anderen, und die abgefeuerten Raketen werden von den meisten eher als Feuerwerke denn als Notsignale wahrgenommen.

Versäumnisse

Wie immer die Kollision der westlichen Welt mit dem riesigen neoliberalen Eisberg, der in der Arktis der sozialen Kälte entstanden ist, ausgehen wird – überleben werden wie im April 1912 vor allem die Gutinformierten, Reichen und Skrupellosen. Im Gegensatz zu dem bei Umweltkatas-trophen geltenden Verursacherprinzip werden die Brandstifter unter die Fittiche des Staatsadlers genommen, während zu den ohnehin Leidtragenden der Kuckuck kommt. Die eigentlich Verantwortlichen sind jene Politiker, die dem Druck der Finanzspekulanten und global agierenden Konzerne nachgegeben und damit gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen haben, unter denen Eisberge solch zerstörerischer Ausmaße entstehen konnten.

Die Regierenden haben trotz nachweislicher Warnungen weder Kurs noch Geschwindigkeit geändert, werden im schlimmsten Fall aber maximal die nächsten Wahlen verlieren. Danach werden sie genau in jenen Konzernen Konsulenten- und Aufsichtsratsposten übernehmen, deren Handlanger sie davor waren. Die Zeche für das von ihnen nicht georderte große Fressen zahlen die kleinen Konsumenten (die Heizer), die schlecht Gebildeten, die Migranten (die Passagiere der dritten Klasse) und der in den letzten Jahrzehnten bereits wiederholt gerupfte Mittelstand (die Passagiere der zweiten Klasse). Dieser, weil dort Reste von leicht abschöpfbaren Mitteln auf Reste von Moral und Solidarität treffen.

Den Überlebenden und Hinterbliebenen des Untergangs der „Titanic“ mag später zum Trost gedient haben, dass nach der Katastrophe die Sicherheit anderer Menschen auf See durch klare Regeln für Notfälle erhöht wurde. Ob dieser Trost am Ende der aktuellen Krise auch jenen bleiben wird, die sie durchgestanden haben werden, ist angesichts langsam und halbherzig durchgeführter Kurskorrekturen leider noch ungewiss. Höchste Priorität hätte, wie auch vom ehemaligen deutschen Finanzminister Peer Steinbrück gefordert, eine verbindliche Regelung für Kapitalmärkte und insolvente Bankinstitute, sowie die Wiederherstellung des Primates der Politik. Deren Vertreter wiederum müssten durch wirksame Antikorruptionsgesetze daran gehindert werden, dem Druck der (Finanz-) Wirtschaft und ihrer Lobbys nachzugeben.

Die bereits in Angriff genommene Neuregelung der gesetzlichen Bestimmungen hinsichtlich der Anzahl der von den Bankinstituten mitzuführenden Rettungsboote, sprich Erhöhung der Eigenkapitalquote, ist ein richtiger Schritt. Sie verkommt allerdings zur Farce, wenn im Rahmen der „Fair Value“-Bilanzierung marode Banken durch Abwertung ihrer eigenen Schulden Scheingewinne lukrieren, die sie „berechtigen“, ihren Managern Boni in Millionenhöhe auszuzahlen und noch mehr Schulden zu machen.

Kurskorrektur

Weiters muss garantiert werden, dass durch die zu ergreifenden Maßnahmen die Überfahrt, also die Kredite, für ausreichend zahlungswillige und -fähige Passagiere (Konsumenten und Firmen) leistbar bleiben. Weiters ist eine rasche Reduktion der Geschwindigkeit und unter Berücksichtigung des erreichten Sättigungsgrades der westlichen Wohlstandsgesellschaften eine kräftige Kurskorrektur in Richtung größerer Nachhaltigkeit und gerechterer Verteilung im Wirtschafts- und Finanzbereich vonnöten.

Andreas Schindl, geboren 1968 in Wien, hat Medizin und Photobiologie studiert. Neben seiner Tätigkeit als Hautarzt in Wien schreibt er seit einigen Jahren Kolumnen und Kommentare zu gesundheits- und gesellschaftspolitischen Themen in diversen Zeitungen.

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