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Und doch wusste er, dass dies nicht die Chronik des endgültigen Sieges sein konnte. Sie konnte nur das Zeugnis dessen sein, was man hatte vollbringen müssen und was ohne Zweifel noch alle jene Menschen vollbringen müssen, die trotz ihrer inneren Zerrissenheit gegen die Herrschaft des Schreckens und seine unermüdliche Waffe ankämpfen, die Heimsuchungen nicht anerkennen wollen, keine Heilgen sein können und sich dennoch bemühen, Ärzte zu sein.

Während Rieux den Freudenschreien lauschte, die aus der Stadt empordrangen, erinnerte er sich nämlich daran, dass diese Fröhlichkeit ständig bedroht war. Denn er wusste, was dieser frohen Menge unbekannt war und was in den Büchern zu lesen steht: Dass der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet …

Albert Camus, Die Pest, S. 202

Ohne Zweifel war die Pest noch nicht zu Ende – und sie sollte das noch beweisen. Und doch fuhren in allen Gedanken schon Wochen im voraus wieder pfeifende Züge auf endlosen Schienensträngen, durchfurchten Schiffe leuchtende Meere. Am nächsten Tag würden die Geister wieder ruhiger sein und die Zweifel wieder aufsteigen. Aber für den Augenblick war die ganze Stadt erwacht […] Die sich nähernde Befreiung hatte ein gleichzeitig lachendes und weinendes Gesicht.

Albert Camus, Die Pest, S. 178f

Und tatsächlich hielt die Pest auch nicht von heute auf morgen inne, aber sie schien schneller zu erlahmen, als vernünftigerweise zu erhoffen war.

Albert Camus, Die Pest, S. 175

„Aber dennoch muss ich Ihnen sagen: es handelt sich nicht um Heldenmut in dieser ganzen Sache. Es handelt sich um Ehrlichkeit. Dieser Gedanke kann lächerlich wirken, aber die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit.“

„Was ist Ehrlichkeit?“, fragte Rambert mit unvermitttelt ernstem Gesicht.

„Ich weiß nicht, was sie im allgemeinen ist. Aber in meinem Fall, das weiß ich, besteht sie darin, daß ich meinen Beruf ausübe.“

„Ah!“ sagte Rambert grimmig. „Aber ich weiß nicht, welches mein Beruf ist. Vielleicht bin ich im Unrecht, weil ich die Liebe wähle.“

Albert Camus, Die Pest, S. 108f

„Bald wird es in dieser Stadt überhaupt nur noch Verrückte geben“, bemerkte Rieux. Seine Müdigkeit trug dazu bei, daß er das Gefühl hatte, seine Kehle sei ausgetrocknet. „Trinken wir etwas.“

Albert Camus, Die Pest, S. 67

Aber in gewissem Sinne waren alle diese Veränderungen so außergewöhnlich und so plötzlich eingetreten, daß es nicht leicht fiel, sie als normal und dauerhaft zu betrachten.

Albert Camus, Die Pest, S. 53

Sie empfanden so das tiefe Leid aller Gefangenen und aller Ausgestoßenen […]. Der Gegenwart überdrüssig, der Vergangenheit feind und ohne Zukunft, so glichen wir wahrhaft denen, die die Gerechtigkeit oder der Haß der Menschen hinter Gitterstäbe zwingt.

Albert Camus, Die Pest, S. 49