Archiv des Autors: Andreas Schindl

Rede zur Verleihung des „Literatur!Preis Klosterneuburg“, gehalten am 4. Dezember 2018

Über die Bedeutung von Literatur

Oft hört man Klagen, wonach Jugendliche heute weniger lesen und schreiben würden als früher: Das ist falsch! Heutige Jugendliche lesen und schreiben sogar mehr, als das meine Generation in diesem Alter getan hat. Allerdings hat sich auch das Lese- und Schreibverhalten geändert. Wenn es stimmt, was die Forschung behauptet, lest ihr eher kursorisch und schreibt eher kurze Botschaften. Und natürlich spielt sich das alles kaum noch analog ab.
Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich heute die Frage stellen, ob Literatur in Zeiten von Twitter und Instagram noch Bedeutung hat? Und wenn ja, welche das sein könnte?
Als Autor kann ich diese Fragen nur persönlich beantworten. Und versuchen, aus den persönlichen Antworten allgemein gültige abzuleiten. Pars pro toto sozusagen.
Zu diesem Zweck habe ich euch heute drei Zitate und zwei Bücher mitgebracht.
Hier das erste Zitat. Es stammt von Umberto Eco, einem italienischen Schriftsteller, und unterstreicht die Bedeutung des Lesens:
Die Aufgabe eines Romans ist, auf unterhaltsame Weise zu belehren, und was er lehrt, ist die Tücken der Welt zu erkennen.

Das erste Buch, das ich mitgebracht habe, ist ein solcher Roman. Er stammt von dem französischen Autor Albert Camus und trägt den Titel Die Pest. Seine Bekanntschaft verdanke ich meinem Deutsch- und Französischlehrer Mag. Kruzik, der bis vor einigen Jahren hier am Gymnasium unterrichtet hat.
Geschildert wird in diesem Roman eine Pestepidemie, die eine nordafrikanische Hafenstadt gleichsam in einen Belagerungszustand versetzt. Der wichtigste Protagonist ist ein Arzt namens Doktor Rieux, der durch das Schließen der Stadttore von seiner Frau getrennt wird und sich trotzdem entschließt, den Kampf gegen die Seuche aufzunehmen. Dabei steht die Pest bei Camus als Sinnbild für das Böse an sich, das seiner Meinung nach nie ganz ausgerottet werden kann. Trotzdem ist es unabdingbar – so die Botschaft des Autors -, sich dagegen zu wehren. Die wichtigsten Sätze in diesem wichtigen Buch stehen auf der letzten Seite und sind mein zweites Zitat:

Und doch wusste er [Dr. Rieux], dass dies nicht die Chronik des endgültigen Sieges sein konnte. Sie konnte nur das Zeugnis dessen sein, was man hatte vollbringen müssen und was ohne Zweifel noch alle jene Menschen vollbringen müssen, die trotz ihrer inneren Zerissenheit gegen die Herrschaft des Schreckens und seine unermüdliche Waffe ankämpfen, die Heimsuchungen nicht anerkennen wollen, keine Heiligen sein können und sich dennoch bemühen, Ärzte zu sein.

Nachdem ich diese Sätze gelesen hatte, stand für mich fest, dass ich Arzt werden will!

Ihr seht also, was das Lesen bewirken kann.
Daher mein Appell an euch. Lest, lest, lest!
Lest, wenn ihr etwas über die Welt erfahren wollt!

Mein drittes Zitat dient der Überleitung zur Bedeutung des Schreibens und stammt wieder von Umberto Eco (und Viktor Frankl würde ihm wohl recht geben):
Um zu überleben, muss man Geschichten erzählen.
Das klingt natürlich ein wenig pathetisch, illustriert aber anschaulich, wie wichtig das Schreiben für den Autor sein kann.
Am Anfang meines Schreibens stand ein starkes Gefühl. Und zwar ein Gefühl des Aufbegehrens. Ich wollte Fehlentwicklungen, die ich in der Medizin kommen sah, nicht länger widerspruchslos hinnehmen. Ich verfasste also einen langen Leserbrief und war sehr erstaunt, als er auf Seite drei der Salzburger Nachrichten ungekürzt abgedruckt wurde. Für die NÖN schrieb ich dann ein Jahr lang eine Kolumne. Es folgten Gastkommentare und schließlich Essays zu gesundheits- und gesellschaftspolitischen Fragen. Nach der Veröffentlichung einer Essaysammlung und eines Sachbuchs begann ich vor drei Jahren die Arbeit an meinem ersten Roman. Er trägt den Titel Paurs Traum und ist das zweite Buch, das ich euch mitgebracht habe.

Erlaubt mir an dieser Stelle einen kurzen Einschub, der allen von euch, die heute keinen Preis erhalten werden, als Trost und als Aufmunterung dienen soll: Dieser Roman verdankt seine Entstehung meiner erfolglosen Teilnahme an einem Literaturwettbewerb! Nach dem Motto: jetzt erst recht!

Es geht darin um die historisch belegte aberwitzige Lebensgeschichte eines Außenseiters, der bereits einige Jahre vor der Veröffentlichung der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 die Idee hatte, im tiefsten Niederösterreich eine multikulturelle Stadt zu gründen, in der gelebte Integration, freie Religionsausübung und bedingungsloses Grundeinkommen umgesetzt werden sollten.

Während der Arbeit an dem Buch wurde mir klar, dass für mich weniger sein Inhalt bedeutsam war als vielmehr das, was mich das Schreiben gelehrt hat: Geduld, Demut und Kritikfähigkeit. Und dass man, wenn man etwas Großes schaffen will, drei Dinge braucht: einen guten Plan, Durchhaltevermögen und Sinn für Proportionen. Und natürlich ein wenig Glück. Für das man aber erstens etwas tun und zweitens bereit sein muss.

Ihr seht also, was das Schreiben bewirken kann.
Daher mein Appell an euch! Schreibt, schreibt, schreibt!
Nutzt dieses Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung – auch um es zu schützen!
Schreibt Tagebücher, Leserbriefe oder Blogs, schreibt Gedichte, Kommentare und Essays, schreibt Kolumnen, Glossen und Feuilletons, schreibt Pamphlete, Kurzgeschichten, Grafic novels, schreibt Romane und Erzählungen.
Schreibt, schreibt, schreibt!
Schreibt, wenn ihr etwas über euch selbst erfahren wollt!

Wird Peter Matíc Andreas Schindl lesen?

17. Dezember 2015:
Heute kam ein E-Mail aus der Ö1-Literaturredaktion: Das Sendeformat „Texte“ möchte Auszüge aus dem ersten Kapitel des Leopold Paur-Manuskripts bringen. Es besteht vielleicht sogar die Möglichkeit, dass Peter Matíc den Text liest. Große Euphorie!

Ignaz Frank, einziger Sohn des Klostertischlers, und Gregor Schober werfen sich schwer atmend und schweißüberströmt neben Leopold unter die Schatten spendenden Buchen, die das südliche Ufer des Doppel-Teiches säumen. [Paurs Traum, S. 21.]

Der Autor und sein Protagonist

12. Oktober 2018:

Nach der gestrigen Lesung im Krahuletz-Museum in Eggenburg konnte einer der drei erhaltenen gebliebenen Kupferstiche mit dem Plan der „Stadt im Traum“ samt Porträt Paurs besichtigt werden. Leider gibt es keine Aufzeichnungen, wie der Kupferstich aus dem Jahr 1784 ins Museum gelangt ist …